Kategorie: Allgemein

Der Erklär mir die Welt-Jahresrückblick 2020

  • Erklär mir die Welt gehört auf Apple und Spotify zu den am meisten gehörten Podcasts des Landes
  • Durch den ersten Lockdown sind die Hörer*innen-Zahlen leicht gesunken, danach weiter gewachsen
  • Serien zu den USA und zu Corona waren besonders beliebt, einige neue Projekte wurden umgesetzt

Mein persönliches Fazit?

Ein tolles Jahr, in dem sich Erklär mir die Welt als einer der beliebtesten Podcasts in Österreich etabliert hat. Und das, obwohl es viel neue Konkurrenz gibt. Podcasts sind endgültig in Österreich angekommen. Ich habe neue, coole Leute kennengelernt und nebenbei viel gelernt. Mittlerweile ist der Podcast sogar ein gutes Geschäft.

Wie haben sich die Zahlen entwickelt?

Gut. Im ersten Halbjahr sind sie leicht zurückgegangen. Ich denke das liegt daran, dass weniger Wege, auf die Uni, in die Arbeit, zur Schule, zurückgelegt wurden. Dann sind die Downloads aber weiter gestiegen.

Ab Mitte des Jahres gibt es einen statistischen Bruch, die Zahlen sind nicht mehr 100%ig mit denen davor vergleichbar. Die Spotify-Daten, die ich zuvor manuell eingefügt habe, werden jetzt automatisch bei meinem Hoster Simplecast berechnet. Dort werden die Zahlen von Spotify aber um bis zu zwei Drittel abgesenkt. Das heißt die neuen Zahlen sind etwas niedriger als die zuvor.

Durchschnittliche Downloads pro Woche 2018:   6.589 (41 Folgen)
Durchschnittliche Downloads pro Woche 2019: 13.678 (50 Folgen)
Durchschnittliche Downloads pro Woche 2020: 17.731 (57 Folgen)

Was hat 2020 sonst gebracht?

  1. Weil es den Podcast schon seit 2018 gibt, war mir wichtig, ihn weiter zu entwickeln. Basis dafür war eine Hörer*innen-Befragung im Mai, bei der 558 Leute Feedback und Vorschläge gegeben haben.
  2. Um laufend Feedback zu bekommen und Ideen auszutauschen, habe ich eine bewusst bunt gemischte WhatsApp-Feedback-Gruppe mit elf Personen gegründet, die mir seither sehr hilft.
  3. Neben dem beliebten Erklär-Format in Erklär mir die Welt gibt es seit heuer »deep dive«. Ich tauche mit interessanten Menschen tiefer in Themen ein, rede über das Leben, die Welt, Wissenschaft; die Folgen dauern länger und sind nerdiger. Love them (ihr scheinbar auch)!
  4. Ich habe begonnen, am Ende des Podcasts Bücher, Filme, Dokus, Podcasts etc. zu empfehlen, die ich selbst gerne mag. Die kommen gesammelt auf die neue Homepage, die 2021 endlich kommen wird.
  5. Es gibt seit heuer „Werbung für den guten Zweck“. Wenn der Werbeplatz in Erklär mir die Welt frei ist, stelle ich ihn karitativen Zwecken zur Verfügung. Mehr Infos dazu hier.
  6. Ich habe eine positive Frauenbilanz bei den Gästen zusammengebracht. Heuer waren 54 Prozent der Gäste im Hauptformat Frauen (28 von 52), deep dive kommt noch auf 0% (0 von 3, wird sich sehr bald ändern). Unter allen bisher erschienenen Folgen beträgt die Frauenquote 48%.
  7. Erklär mir die Welt ist etwas aktueller geworden. Ich habe zu Beginn versucht, mich gänzlich vom »News cycle« fernzuhalten. Der Podcast ist und soll »langsam« sein. Was aber sehr gut ankommt sind Hintergründe zu aktuellen Ereignissen (wie die Serie zu den US-Wahlen). Davon soll mehr kommen.

Wie geht es weiter?

Ich habe viele Projekte in der Pipeline. Konkret ist, dass bald eine neue Homepage kommt. Sie soll eine gute Übersicht für Einsteiger*innen geben und Fans zusätzliche Infos und Material liefern. Außerdem möchte ich mehr mit Lehrer*innen und Schulen zusammenarbeiten. Erklär mir die Welt ist dafür prädestiniert und wird jetzt schon von vielen Lehrer*innen eingesetzt.

Ich möchte mehr Inhalte für Klassen und Lehrer anbieten und das gemeinsam mit Expertinnen ausarbeiten. Wenn Corona hoffentlich vorbei ist, habe ich auch einige Ideen für den Ausbau der Community im Kopf, regelmäßige Treffen, Live-Aufnahmen, vielleicht sogar Wanderungen. Ich hoffe, dass die Pandemie das bald zulässt.

Ansonsten gibt es noch ein paar unkonkrete Ideen. Ich möchte neue Zielgruppen erschließen (vor allem konservativere Hörer*innen & Menschen, die formal niedrigere Bildungsabschlüsse haben) und Erklär mir die Welt soll auch YouTube zu finden sein (wie, weiß ich noch nicht). Die Themen sollen noch diverser werden, ich möchte auch in Gebiete vorstoßen, die mir selbst fremd sind (zum Beispiel Technik).

Außerdem habe ich eine sehr, sehr unkonkrete Idee von einer Art »School of Life«, also einem breiteren Bildungsangebot um Erklär mir die Welt. Das könnte aber auch erst 2022 kommen oder vielleicht auch nie, wer weiß das schon? Wer Vorschläge und Ideen hat, darf sich sehr gerne bei mir melden.

Warum gibt es so viel Armut in unserer reichen Welt?

Alle paar Sekunden verhungert auf der Welt ein Kind. Ich war 17 oder 18, als ich diesen Satz des Schweizer Autors Jean Ziegler das erste Mal las. Und ich weiß noch, wie er mich mitgenommen hat. Wie kann das sein? Wie kann es auf der Welt so viel Reichtum und zugleich so viel Armut geben? Eine schreiende Ungerechtigkeit. Du musst etwas tun. Nur was? Ich fing zu studieren an, die Jahre vergingen, aber eine klare Antwort fand ich nie.

Die Frage blieb, und auch die schreiende Ungleichheit auf der Welt. Etwa zehn Jahre, nachdem ich das erste Buch von Jean Ziegler gelesen habe, beschloss ich, dass es das nicht sein kann. Auf der Suche nach einer Antwort begann ich, mich solange mit diesem Thema zu beschäftigen, bis ich sie gefunden hatte. Weil ich wusste, dass ich mit der Frage nicht alleine war, schrieb ich meine Gedanken auf, ein Buch entstand. Heute habe ich sie.

Fangen wir von vorne an. Warum gibt es so viel Armut in unserer reichen Welt? Um uns einer Antwort zu nähern, lohnt es, die Frage auf den Kopf zu stellen. Denn ungewöhnlicher, als dass es Armut gibt, ist der unfassbare Wohlstand in einigen Regionen. Armut war die längste Zeit der Normalzustand. In Deutschland oder Österreich ist es noch nicht so lange her, dass fast jedes zweite Kind vor seinem fünften Geburtstag starb. Etwa 150 Jahre.

Das jährliche Einkommen im Westen ist in der Zeit von Jesus bis ins Jahr 1700 umgerechnet gerade einmal von 600 auf 1200 Dollar gestiegen. Heute liegt es in den USA bei mehr als 50 000 Dollar. Was war passiert? Die Industrielle Revolution. Sie begann in England, erreichte später Deutschland und Österreich. Sie ist der Schlüssel für den Wohlstand von Nationen. Denn Reichtum basiert zu einem Großteil auf der massenhaften Produktion von Gütern in möglichst kurzer Zeit: also auf der Industrie und auf Fabriken.

Ein gutes Beispiel ist der Textilsektor. Die längste Zeit musste ein Spinnrad mühsam betrieben werden. Bis James Hargreaves in England 1764 die „Spinning Jenny“ erfand, die erste industrielle Spinnmaschine, auf der nicht nur eine Spindel platziert wurde, sondern zwölf, wenige Zeit später 24. Seine Erfindung wurde kopiert und weiterentwickelt, 1775 gab es sie bereits in den USA, 1780 gab es schon Jennys mit 120 Spindeln.

Die „Jenny“ sorgte dafür, dass man viel mehr in der gleichen Zeit schaffte, war aber noch nicht revolutionär: Noch immer musste man das Spinnrad mit Muskelkraft bedienen. Bald wurde sie aber mit Wasserkraft betrieben.

Dann wurde die Dampfmaschine erfunden. Mit ihr konnte Kohle abgebaut und verbrannt werden, mit der man dann noch mehr Energie erzeugen konnte. Für Frankreich gibt es eine Berechnung, dass das Verbrennen von Kohle im Jahr 1880 die Muskelkraft von fast 100 Millionen Arbeitern ersetzte. Es wurden also in kurzer Zeit viele neue Sachen erfunden.

Aber warum in Europa? Einig sind sich Ökonomen und Historiker darüber nicht, aber ein paar Faktoren gelten für viele als wahrscheinlich. Da sind einmal zwei Revolutionen. Eine des Denkens und eine in der Politik. Die des Denkens ist die Aufklärung. Die Idee, sich seines eigenen Verstandes zu bedienen und dass Fortschritt möglich ist. Das gilt auch als Beginn der modernen Wissenschaft.

Die zweite Revolution ist eine politische. 1689 fand in England die sogenannte Glorreiche Revolution statt. Ein starkes Parlament wurde im Staat verankert. Der Willkür der Könige wurden Schranken gesetzt und gleichzeitig wurde die Meinungsfreiheit stark ausgeweitet. Glorreich trifft es gut, denn das ist bis heute die Basis für die westliche Demokratie, und die Ideen dahinter schwappten auf viele andere Länder, wie etwa Deutschland oder Österreich, über.

In England konnten im 18. Jahrhundert schon 80 Prozent der Männer lesen und schreiben. Bis heute gibt es Länder, vor allem in Teilen Afrikas, in denen der Wert niedriger ist. Im Tschad können etwa nur 30 Prozent der Männer lesen. Auch der Staat und die Bürokratie waren in Teilen Europas schon sehr weit entwickelt.

Eine Theorie, warum das so ist, sind die vielen Kriege, die die Franzosen, die Deutschen oder die Engländer über die Jahrhunderte miteinander und auf Eroberungszügen in der Welt geführt haben. Man musste dafür immer stärker und innovativer werden. Dazu brauchte es einen Staat, der funktionierte, der Steuern einhob – und in Kriegszeiten überzeugte man die Bevölkerung eher davon, dass die Steuerlast schon wieder erhöht werden musste.

Das sorgte für Bedingungen, in denen wirtschaftlicher Fortschritt möglich wurde. Mit der Zeit führten die vielen neuen Erfindungen dazu, dass einige Länder massiven Reichtum anhäuften. Warum aber klappte das nicht überall?

Blicken wir nach Subsahara-Afrika, denn dort leben die meisten Armen auf der Welt. Am besten teilen wir das Ganze in zwei Phasen auf. In Phase eins, bis ins Jahr 1500, gab es nicht sehr viel Kontakt mit Europa. Die Sahara war schwer zu überwinden. Schon damals unterschieden sich Afrika und Europa stark. Im Schnitt lebten auf der gleichen Fläche in Europa fast zehn Mal mehr Menschen. Südlich der Sahara gab es weniger zentralisierte Staaten.

Zwar blühten Gesellschaften auf, etwa Aksum in Nordäthiopien oder Timbuktu im heutigen Mali, das vor 600 Jahren ein Zentrum der Bildung war. Den Wettbewerb von Staaten, die Krieg führten, gab es im Afrika südlich der Sahara viel weniger. Die Schrift wurde in Nordafrika erfunden, schaffte es nach Äthiopien, aber nie weiter südlich. Außerhalb Äthiopiens wurde der Pflug nie eingesetzt und auch nicht das Rad.

In Phase eins war Afrika also schon technologisch deutlich weniger fortgeschritten als Europa. Kommen wir zu Phase zwei: Die Europäer beuteten den Kontinent schonungslos aus. Laut dem Ökonomen Nathan Nunn sind zwischen 1400 und 1900 etwa 18 Millionen Menschen als Sklaven verkauft worden. Das war aber leider noch lange nicht alles. Denn vor etwa 150 Jahren, als die Kindersterblichkeit in Ländern wie Deutschland langsam zurück ging, entschloss sich die Elite Europas, den afrikanischen Kontinent aufzuteilen.

Aus den willkürlich gezogenen Grenzen entwickelten sich Länder, die zu einem Gutteil bis heute so bestehen. In vielen leben dutzende Ethnien, die eigentlich wenig miteinander am Hut haben. Zwar gibt es in Afrika bis heute relativ wenig Kriege zwischen Staaten. Aber innerhalb vieler Staaten brodelt es. Infrastruktur, Gesundheits- oder Bildungswesen funktionieren nicht gut. Der Kolonialismus wirkt nach. Das Staatsoberhaupt hat in manchen Ländern fast die ganze Macht, Politik ist personalisiert, das Parlament und politische Parteien sind schwach. Kein Wunder also, dass es die Industrialisierung noch immer nicht in viele Länder des Kontinents geschafft hat.

Und was können wir daran jetzt ändern? Staaten in Afrika zum Funktionieren zu bringen, damit tun wir uns von Berlin oder Wien aus schwer. Das passiert vor Ort. Es hat sich schon viel getan, die Armut geht zurück, immer weniger Kinder sterben – auch wenn es immer noch viel zuviele sind. Doch einige Länder wie Botswana oder Mauritius haben die Armut extrem reduziert.

Mit 17 habe ich mich gefragt, was ein einzelner Mensch gegen Armut tun kann. Heute weiß ich, dass weder ich noch ein anderer Europäer Afrika „rettet“. Trotzdem kann man etwas tun: Sich für eine offene Welt und Austausch einsetzen. Für eine Welt, in der Migration positiv begegnet und Wissen ausgetauscht wird. Man kann sich für Klimapolitik stark machen – gerade ohnehin schon heiße Länder in Teilen Afrikas, Indien oder Brasilien leiden unter dem veränderten Klima.

Und bei all den Problemen dürfen wir nicht vergessen, dass sich sehr vieles zum Besseren verändert. Bei meiner Geburt lebten auf der Welt 1,8 Milliarden Menschen in extremer Armut. Heute sind es laut seriösen Schätzungen 600 Millionen Menschen. Noch nie in der Geschichte lebte ein so kleiner Anteil der Menschheit – unter zehn Prozent – in Armut. Nicht alles ist gut, aber vieles wird besser.

Dieser Text ist am 21. Dezember auf Seite 3 im Mannheimer Morgen erschienen. Er basiert auf Kapitel 2 und 3 meines Buchs Alles gut?! Unangenehme Fragen und optimistische Antworten für eine gerechtere Welt.

Bildquelle: Klaus-Uwe Gerhardt  / pixelio.de

Was du schon immer über Erklär mir die Welt wissen wolltest

Ich sitze wie auf Nadeln, weil ich auf die Fahnen meines Buchs warte. Um mich abzulenken, habe ich mir die Statistiken von Erklär mir die Welt genauer angesehen. Weil ich unter anderem von Unterstützung lebe – derzeit finanzieren 130 Menschen monatlich den Podcast mit einem kleinen Betrag  – mache ich die Zahlen hier für alle öffentlich.

Seit März 2018 ist der Podcast 672.000 Mal heruntergeladen worden. Das sind im Schnitt 9600 Downloads pro Folge. Weil er nicht von Beginn an so viele Downloads hatte, sind die aktuellen Zahlen höher. Derzeit wird der Podcast in etwa 16.000 Mal pro Woche heruntergeladen.

11.000 Menschen haben den Podcast auf Spotify abonniert. Über Podcast-Apps wie etwa Apple Podcasts oder CastBox kommen laut Feedburner in etwa 7000 dazu. Mehr als 400 Menschen erhalten Folgen per WhatsApp auf ihr Handy. Ich denke, dass inklusive Soziale Medien also knapp 20.000 Menschen regelmäßig mit Erklär mir die Welt in Kontakt kommen.

Das sind sehr verlässliche Zahlen nach dem internationalen Standard IAB 2.0. Wer also nur reinhört und nach unter einer Minute wieder aufhört, wird nicht gezählt. Es gibt keine Doppel-Zählungen, weil mehrfach vom Server abgerufen wurde, etc.; viele Zahlen, die ihr über Podcasts hört, sind nicht gerade verlässlich. Der Standard IAB 2.0 macht sicher.

Sehr spannend finde ich, wie relevant Spotify für mich geworden ist. 36 Prozent meiner gesamten Downloads laufen über die Plattform. Apple Podcasts kommt auf 28 Prozent, inklusive iTunes (3%) gehen 31 Prozent auf die Kappe von Apple. CastBox ist Nummer drei mit 12 Prozent und Podcast & Radio Addict liefert 5 Prozent. Der Rest ist breit gestreut.

Über die 31 Prozent von Apple komme ich zu den wahrscheinlich am erfreulichsten Zahlen: Im Durchschnitt werden 80 Prozent einer Episode angehört. Das sind knapp 25 von 30 Minuten. Das sind im Zeitalter von Social Media und Clickbait geradezu sensationelle Werte. Die Daten von Apple sind Teil eines Statistiktoools, das aber erst in der Beta-Version ist.

Von den 36 Prozent auf Spotify weiß ich auch, wer sie sind (vom Rest nur grob). 54 Prozent identifizieren sich als weiblich und 44 Prozent als männlich. 84 Prozent meiner Spotify-Hörer*innen sind jünger als 34. 56 Prozent sind unter 27 und ein Viertel unter 22. Das freut mich.

Am Schluss noch ein Fun fact. Spotify zeigt auch an, was die Menschen, die meinem Podcast lauschen, sonst hören. 4 von 5 mag ich auch. Ob Ed Sheeran trotzdem mal zu mir in den Podcast kommt?

PS: Ich lebe von eurer Unterstützung, der Podcast ist gratis. Wer gut findet, was ich mache, kann mich unkompliziert hier unterstützen. Ab und zu gibt es im Podcast auch Werbung oder Kooperationen. Wie das geht, steht hier. Wenn du Interesse hast, kontaktiere mich bitte per Mail: andreas.sator@gmail.com

Einen Podcast machen: Schritt-für-Schritt-Anleitung für Anfänger*innen

Ich werde immer wieder gefragt, wie das mit dem Podcasten denn funktioniert und was man beachten sollte. Weil es praktischer ist, schreibe ich jetzt mein ganzes technisches Know-How in diesen Beitrag. Achtung: Ich bin kein Experte. Alles, was ich weiß, habe ich mir selbst beigebracht. Radiomacher und Audiotechniker werden vielleicht bei der einen oder anderen Sache den Kopf schütteln – für mich funktioniert das aber und ich bin, wie meine Hörer*innen, mit der Qualität in der Regel sehr zufrieden.

1. Aufnahmegerät. Ich habe mir ein Zoom H-6 für gut 300 Euro gekauft. Das ist ein – 2018 – state of the art Aufnahmegerät. Ich mache Interviews an einem Tisch, man kann aber auch auf der Straße damit rumlaufen und es Leuten vor die Nase halten. Man kann sich auch ältere Versionen davon kaufen, früher habe ich das H-4 verwendet, das ist auch okay und kostet 100 Euro weniger. Man kann auch, wie ich anfangs, mit dem Handy beginnen und ein Mikro anstecken. Ich kaufe mir aber gerne „heißen Scheiß“ und das ist das H-6, modern, praktisch, intuitiv.

2. Sonstige Hardware. Ihr könnt das Aufnahmegerät euren Gästen beim Reden hinhalten. Wenn ihr aber wie ich längere Gespräche aufnehmt, sind Standmikros besser. Ich habe mir 2 t.bone SC400 gekauft. Ich habe schon einiges probiert und die Qualität ist fantastisch. Dabei sind zwei Pop-Filter. Muss nicht sein, aber macht euer „P“ weicher, wenn man von poppenden Popcorn spricht, hört sich das besser an. Pro Mikro fielen 60 Euro an. Um sie auf dem Tisch festzumachen, braucht ihr noch Stative (bei mir Millenium DS100, 33 Euro pro Stück). Volle Ausrüstung: 500 Euro (bei Thomann.de). Wie habe ich ausgewählt? Ich habe sendegate.de darum gebeten, mir ein Set zusammenzustellen. Erfahrene Podcaster*innen beantworten euch dort geduldig alle Fragen. Große Empfehlung!

3. Aufnahme. Ihr habt alles montiert? Jetzt müsst ihr das Zoom noch  konfigurieren. Ich habe es nach dieser Anleitung gemacht. Dann einfach aufnehmen und herumprobieren. Setzt euch Kopfhörer auf, während ihr aufnehmt. Ihr wollt sofort hören, wie sich das anhört. Schnell merkt man, dass man zum Beispiel lieber keinen Zettel in der Hand hat. Das Rascheln hat man sofort im File. Ich nehme iPhone-Kopfhörer, dann kriege ich auch noch etwas von der „Welt da draußen“ mit. Ich sagen meinen Gästen, dass zwischen Mund und Mikro etwa 20 cm Abstand sein sollen. Viele neigen außerdem dazu, am Mikro vorbeizuschauen, weil man bei einem Gespräch lieber nix zwischen dem Gesprächspartner und sich hat. Seid streng: Ich sage immer, du redest bitte nicht mir sondern mit dem Mikro.

4. Bearbeiten. Speicherkarte raus, in den Mac oder ins Lesegerät und runter damit. Wenn 2 Mikros angesteckt waren, habt ihr 2 WAV-Dateien. Jetzt braucht ihr eine Software zum Schneiden. Audacity ist gratis, damit habe ich angefangen, dann habe ich mir Hindenburg Journalist gekauft. Es kostet 85 Euro und ist großartig. Wenn man noch nie geschnitten hat, muss man sich herumspielen. Ich habe das schon öfter gemacht und hatte den Dreh sofort raus, es ist für Podcaster*innen und Radioleute gemacht und wirklich ein Traum. Wer mehr wissen möchte, bitte googeln oder hier nachlesen. Weil ein Jingle am Anfang nett ist, findet ihr hier gratis Musik, die ihr unter Angabe der Quelle frei verwenden könnt. Fertig? Exportieren! Ich wähle „hohe Qualität“, „MP3“, „mono“. Mono heißt, dass  beide Spuren (ich und der Gast) auch auf beiden Ohren gleichmäßig zu hören sind. Das Gegenteil ist stereo, dann hört man mich links und den Gast rechts, glaubt mir, das wollt ihr nicht. MP3 macht die Dateien viel kleiner, ohne Qualität zu verlieren. Meine letzte Aufnahme dauerte 25 Minuten, 2 WAV-Dateien á 160 MB, die MP3-Datei hatte am Ende 42 MB. Damit verbraucht euer Podcast nicht das ganze Datenvolumen eurer Hörer*innen. Ich bereinige alle meine Files mit Auphonic, wenn man es viel verwendet kostet es 11 Euro im Monat, am Anfang ist es gratis. Es macht das File sauberer, kleiner (aus 42 MB werden 25 MB) und gleicht die Lautstärke aus (wenn ihr leiser redet als euer Gast zum Beispiel). Ich glaube, dass man das auch mit Hindenburg selbst machen könnte, aber es funktioniert einfach toll mit Auphonic, also gönne ich mir diesen Luxus.

5.  Hosting. Und jetzt? Wohin damit? Anfangs nutzte ich Soundcloud. Das ist okay, aber nicht perfekt, weil es eigentlich für Musiker*innen gemacht ist. Später bin ich auf Simplecast umgestiegen. Es gibt zig Anbieter, vielleicht bessere. Mir ist Simplecast ein paar Mal empfohlen worden, ich habe es mir angeschaut und fand es gut. Es kostet 12 Dollar im Monat. Viele Indie-Podcaster*innen nutzen Podlove (Anleitung). Ich habe es gerne so einfach wie möglich, Simplecast wird seinem Namen gerecht. Simplecast spuckt einen RSS-Feed aus. Wenn ihr gute Statistiken wollt, tragt den RSS-Feed noch bei Feedburner ein (siehe Punkt 7) – die erstellen einen neuen Feed, der ist dann euer einzig Relevanter, den ihr nutzt.

6. Podcasting-Apps. Wie hören die Leute Podcasts? Die meisten über das iPhone oder Apps, die auf iTunes zugreifen. Also: Bei Apple eintragen. Nach 1-2 Tagen ist euer Podcast auf iTunes. Dann gibt es noch unendlich viele andere, kleine Apps, über die man Podcasts hören kann. Mich zum Beispiel auf: Spotify, Castbox, Pocket Casts, Player FM, Podcast Addict, Acast, Stitcher, AntennaPod, TuneIn. Ich bin mir ziemlich sicher, dass man meinen Podcast überall hören kann – zumindest habe ich viel durchprobiert und noch nie eine Beschwerde bekommen, dass man meinen Podcast nicht findet. Dazu müsst ihr ihn meist überall einzeln eintragen – ich habe ihn zusätzlich noch bei sicher 10 oder 15 Verzeichnissen eingetragen („Podcast Verzeichnis“ googeln).

7. Statistiken. Jetzt wollt ihr sicher wissen, wie viele zuhören? Wenn ihr Simplecast nutzt haben die okaye Statistiken für euch. Gemessen wird das in Downloads. Man weiß dann also nur, wie viele Leute sich eine Folge heruntergeladen haben. Seit einiger Zeit gibt es aber auch Beta-Statistiken von iTunes, die mehr können. Mir zeigen sie zum Beispiel, dass sich die Leute im Schnitt 80 Prozent der Folge anhören, wenn sie sie runterladen. Das ist auch bei anderen populären Podcasts so und ein toller Wert. Wenn ihr noch wissen wollt, wie viele euren Podcast abonniert haben (das ist nicht so wichtig, aber trotzdem interessant), könnt ihr wie ich zusätzlich Feedburner nutzen. Die Werte schwanken, schaut auf einen (nehmt Dienstag, Mittwoch oder Donnerstag) und vergleicht ihn über die Zeit.

***

Mich hat die Grund-Ausrüstung inklusive Schnitt-Software also einmalig knapp 600 Euro gekostet. Im Monat zahle ich dann noch einmal circa 20 Euro für Hosting und Auphonic. Wenn ihr ein paar Test-Aufnahmen macht und euch mit dem Schneiden spielt habt ihr den Dreh schnell raus. Natürlich gibt es dann noch viele kleine Details, aber da hilft die klassische Anleitung zu den Geräten, Google und sendegate.de. Viel Spaß!

Alles wird immer schlimmer? Augen auf! Das Wunder von Medellín

Ich möchte euch eine kleine Geschichte erzählen. Eigentlich habe ich das für einen Artikel im STANDARD recherchiert, weil sich der aber nicht mehr ordentlich ausgeht, poste ich es hier.

Das vergangene Monat habe ich in Medellín verbracht, der zweitgrößten Stadt Kolumbiens. Sie ist ein kleines Wunder der Stadtplanung, über das ich ein paar Worte da lassen will.

Die Stadt war vor 30 Jahren einer der gefährlichsten Plätze der Welt. Das TIME-Magazin hat sie 1988 zur gefährlichsten Stadt der Welt „gekürt“ (https://is.gd/s6PUcl). Heute ist sie um Welten sicherer.

Das ist nicht nur großartig für die, die dort wohnen, sondern für die ganze Welt. Überall in ärmeren Ländern wachsen Megacities, sie in den Griff zu bekommen macht die Welt sicherer und das Leben von Millionen Menschen besser. Medellín kann ein Vorbild sein.

Wer Narcos gesehen hat, weiß: Medellín war die Hölle. 1991, am Höhepunkt von Escobars Krieg gegen den Staat, starben dort in etwa so viele Leute wie in einem Bürgerkrieg. Überträgt man die Mordrate auf Wien, wäre das so, als würden 7.000 Menschen im Jahr umgebracht.

Mithilfe der USA – deren Kokainrausch das Problem erst mitverursacht hat – wurde Escobar 1993 aufgespürt und erschossen. Weil wir im Westen nicht auf Kokain verzichten wollen, haben leider mexikanische Kartelle das Vakuum gefüllt und richten jetzt dort Regionen zugrunde.

Kolumbien ist aber halbwegs fein raus. 2002 gelang dann der nächste große Meilenstein, mit seiner Law&Order-Politik hat Álvaro Uribe die Guerilla FARC in die Schranken verwiesen. Nach langen Verhandlungen kandidieren ehemalige Guerilla jetzt für das Parlament.

Gleichzeitig übernimmt Medellín innovative Ideen aus Cali, der drittgrößten Stadt Kolumbiens, die ähnlich mit Gewalt kämpfte. Ein Wissenschafter, er war Epidemologe, wurde Bürgermeister und stellt die Politik der Stadt auf den Kopf.

Eine seiner ersten Taten: der Aufbau ordentlicher Statistiken. Er stellte fest, die Gewalt lag nicht nur an den Drogen, Morde passierten vor allem am Wochenende, nachts, meist war Alkohol im Spiel. Also wurde der Ausschank von Alkohol nach 2am verboten.

Es gab natürlich riesige Proteste der Gastronomie, der Bürgermeister bot einen Deal an. Lasst mich das drei Monate probieren, dann schauen wir weiter. Die Mordraten sank binnen kürzester Zeit enorm. An Tagen, an dem die Leute ihren Lohn kriegten, wurden außerdem Waffen verboten. Alleine aufgrund dieser zwei Maßnahmen sank die Kriminalität um 35 Prozent! (https://is.gd/6QuiNN)

Danach brachte der neue Bürgermeister die Polizei auf Vordermann. Viele kamen aus der Unterschicht, in den 90ern hatte die Hälfte keinen Schulabschluss. Das änderte er – die Effektivität der Truppe stieg enorm, Statistiken wurden zentral für die tägliche Arbeit.

Aber nicht nur Law&Order, mehr und bessere Polizei und null Toleranz gegenüber Kartellen, sondern erst die Kombination mit starker, staatlicher Sozial- und Kommunalpolitik sorgte dafür, dass die Stadt heute da steht, wo sie steht.

2004 wird in Medellín eine Seilbahn in Betrieb genommen. Es leben zwar “nur” 3,5 Millionen Leute da, aber sie sind enorm verstreut, die Armen bauten sich illegal Hütten auf die angrenzenden Berge. Die wurden mit der Seilbahn nun mit den besseren Vierteln verbunden. Einer Studie zufolge (https://is.gd/b60BDQ) ist die Kriminalität in den Regionen, die plötzlich Teil der Stadt waren, um 66 Prozent stärker gesunken als in jenen, die weiter abgelegen und schwer erreichbar waren.

Gleichzeitig werden ärmere Viertel aufgewertet, öffentliche Parks gebaut, kostenlose Bibliotheken hingestellt, eine ordentliche Beleuchtung installiert. Ein Gesetz verpflichtet den staatlichen Dienstleister, auch illegale Slums mit sauberem Wasser und Strom zu versorgen.

Zwischenzeitlich verschlechterte sich die Lage wieder. Die ZEIT schrieb 2009 (https://is.gd/IeelQl) es sei wohl nur mehr eine Frage der Zeit, bis Reisen nach Kolumbien wieder lebensgefährlich werden. Seither ist die Mordrate in Medellín erneut um 80% gefallen.

Heute ist Medellín eine sehr lebenswerte Stadt, in der viele Expats arbeiten, die das billige Leben und das das ganze Jahr über tolle Wetter genießen. Natürlich gibt es noch viel Armut und es ist um Welten unsicherer als etwa Wien. Aber es ist so viel besser geworden.

Medellin ist das krasse Symbol einer positiven Entwicklung, die in vielen Teilen der Welt um sich greift, von den meisten Menschen im Westen aber fast unbemerkt bleibt. Es gibt immer weniger Armut, Gewalt, die Leute sind gesünder und besser gebildet. Feiern wir das doch mal!

Wieso ich mich pünktlich zu Monatsbeginn über österreichische Medien ärgere

Wer österreichische Zeitungen liest, der wusste Anfang März – am Monatsersten kommen die neuen Zahlen – dass die Arbeitslosigkeit im Februar schon wieder gestiegen ist. Alleine, das ist schlicht falsch. Zahlen des Wifo zeigen, dass die Arbeitslosenrate zwischen August 2014 und Februar 2015 gleich geblieben ist. Die Presse schreibt trotzdem von einem „starken Anstieg im Februar“. Die Arbeitslosigkeit ist in Österreich erneut gestiegen, schreiben Kurier.at, Oe24.atKrone.at und Orf.at unisono, sie ist  “weiter gestiegen”, Heute.at. Obwohl die Arbeitslosigkeit seit Monaten nicht mehr steigt, schreibt Wirtschaftsblatt.at:  „Arbeitslosigkeit steigt auch im Februar ungebremst weiter“.

Warum machen die das?

Alle Medien des Landes berichten Monat für Monat die Zahlen des Sozialministeriums. Die offizielle Statistik lässt aber nur einen Vergleich mit dem Vorjahr zu. So ist die Arbeitslosigkeit im Februar im Vergleich zu 2014 sehr wohl gestiegen, das ist richtig . Das sagt aber rein gar nichts darüber aus, wie sich die Lage in den vergangenen Monaten entwickelt hat. Geht es weiter bergab? Oder sogar bergauf? Die offizielle Statistik verrät das nicht, österreichische Zeitungen titeln trotzdem  regelmäßig damit, ohne die wirklichen Zahlen zu kennen.

Liest man dann in den jeweiligen Artikeln weiter, steht immer wieder „im Vergleich zum Vorjahr“. Für die meisten Menschen ist das aber zu spät, sie nehmen Nachrichten nur oberflächlich wahr. Der Titel ist die Nachricht. Viele, die weiterlesen, verstehen das den Statistiken zugrunde liegende Konzept nicht, da bin ich mir sicher. Wer will es ihnen verübeln, wenn sich anscheinend auch Journalisten schwer damit tun. So lesen Monat für Monat hunderttausende Menschen von steigenden Arbeitslosenzahlen, obwohl die Arbeitslosigkeit gerade gar nicht steigt.

Ein Blick hinter die Statistik

Die Zahlen des Sozialministeriums lassen sich mit jenen der Vormonate nicht vergleichen, weil es bei der Arbeitslosigkeit je nach Jahreszeit große Schwankungen gibt. In der Urlaubszeit brauchen Tourismus und Gastronomie zusätzliche Hände, im Winter steht der Bau still, vor Weihnachten stellt der Handel tausende zusätzliche Arbeitskräfte an.

So steigt die Zahl der Arbeitslosen jeden Jänner stark an. Das liegt aber nicht an einer Verschlechterung der Lage am Arbeitsmarkt, sondern etwa an befristeten Stellen im Handel und in Logistikzentren, die wieder wegfallen. Das passiert jedes Jahr. Eine Daumenregel: In den warmen Sommermonaten ist die Arbeitslosigkeit niedriger als sonst, in den Wintermonaten höher. Das lässt sich gut an den Zahlen von 2004 veranschaulichen.

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Einige Jahre nach dem Platzen der Dotcom-Blase in den USA hatte sich die österreichische Wirtschaft wieder halbwegs erholt. Sie wuchs 2004 um satte 2,7 Prozent. Unternehmen trauten der Sache aber noch nicht ganz und hielten sich bei der Einstellung neuer Leute zurück. Die bereinigte Arbeitslosigkeit ist so über das ganze Jahre hinweg halbwegs konstant geblieben, wie die rosa Linie in der Grafik zeigt. Die Lage am Arbeitsmarkt hat sich also weder verbessert noch verschlechtert. Die blaue Linie zeigt die Arbeitslosenrate inklusive der saisonalen Schwankungen. Über die Entwicklung während des Jahres verrät sie uns wenig.

Das ist der Grund warum das Sozialministerium jedes Monat nur Vergleiche zum Vorjahresmonat zieht. Die blaue Linie schwankt jährlich auf und ab, daraus lässt sich nichts schließen. Vergleicht man den vergangenen Februar mit Februar 2014, dann pfuschen Sommer, Winter, Feiertage & Co hingegen nicht in die Statistik. Wieso das Sozialministerium nicht gleich die rosa Linie angibt, wie das etwa auf EU-Ebene und in den USA üblich ist, ist mir ein Rätsel.

Wenn sich Sozialminister Rudolf Hundstorfer  Rat von Ökonomen holt, zeigen sie ihm ja auch die rosa Linie. In den USA gibt sich keine Zeitung mit schwer greifbaren Vorjahresvergleichen ab. Dort wird gespannt auf die Entwicklung von Jobs und Arbeitslosen im Vergleich zum Vormonat des selben Jahres geschaut. Wie uns die rosa Linie helfen kann, die aktuelle Lage zu verstehen, zeigt die nächste Grafik.

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Die Arbeitslosigkeit ist vor allem in der ersten Hälfte des Vorjahrs stark gestiegen. Danach ist sie stagniert (im März 2015 ist sie von 10,3 auf 10,4 geklettert, aber das spielt hier keine Rolle). Gibt man die dunkelblaue Linie, also die unbereinigte Arbeitslosenrate, in die Grafik, lässt sich gut veranschaulichen, wieso die Wiedergabe der Statistik durch das Sozialministerium und die meisten österreichischen Medien verzerrt.

Arbeitslosenrate-inkl-Schulungen-Februar-2014-Februar-2015-Unbereinigt-Bereinigt_chartbuilder (1)

Wer ausschließlich die Zahlen des Sozialministeriums verwendet, kann lediglich den Punkt ganz rechts auf der blauen Linie (Februar 2015) mit dem Punkt ganz links oben (Februar 2014) vergleichen. Dieser Vergleich zeigt dann eben einen Anstieg.

Die Arbeitslosigkeit soll dem AMS zufolge noch drei weitere Jahre lang nach oben gehen. Wenn sie es einmal ein paar Monate lang nicht tut, würde ich davon auch gerne in Medien hören. Make it pink.

Foto: Lucie Gerhardt /pixelio.de

PS: Die Wifo-Daten waren mit etwas Überredungskunst zu erhalten. Das Institut schickt sie mir jetzt automatisch ein paar Stunden nach der Herausgabe der Zahlen vom Sozialministerium. Auf Nachfrage sind sie sicherlich auch für alle anderen Medien erhältlich. Am besten Helmut Mahringer kontaktieren. Eine monatliche Presseaussendung wolle man nicht machen, hat man mir gesagt. Wenn ein paar Medien nachfragen, ändern sie vielleicht ihre Meinung.

PS2: Die bereinigte Arbeitslosenrate ist ein statistisches Konstrukt. Sie existiert „da draußen“ nicht, sie wird durch ein ökonomisches Modell berechnet. Forscher stellen sich die Frage, wie hoch die Arbeitslosenrate im Jahresschnitt wäre, wenn die Wirtschaft in derselben Verfassung wäre wie im jetzigen Monat. Je aktueller die Zahlen, desto wackeliger sind sie auch. Ein Anstieg von 0,1 oder 0,2 Prozentpunkten kann so der statistischen Schwankungsbreite unterliegen und muss keine Aussagekraft haben. Außerdem gibt es für den Monatsersten immer nur vorläufige Beschäftigungszahlen. Die Anzahl der Erwerbstätigen entwickelt sich aber auch nicht so unerwartet, als dass man sie nicht trotzdem verwenden könnte.

PS3: Weil das AMS derzeit die Anzahl der Schulungen massiv zurückfährt, machen die Statistiken auch Experten Kopfschmerzen. So habe ich im Februar mit Berufung auf den Wifo-Ökonomen Helmut Mahringer selbst geschrieben, dass die Arbeitslosigkeit leicht gestiegen ist. Das hat er unter Bewusstsein der Schwankungsbreite wohl über den Daumen gebrochen geschätzt. Das Wifo hat bis zum Februar die Arbeitslosenrate selbst nur ohne Schulungsteilnehmer bereinigt. Weil viele Arbeitslose, die früher in Schulungen gesteckt sind, jetzt in die offizielle Statistik fallen, steigt die Arbeitslosenrate exklusive Schulungsteilnehmer. Erst Anfang März konnte ich selbst einen Blick auf die bereinigten Zahlen inklusive Schulungen werfen, die von der AMS-Reform nicht berührt werden. Sofern sie das Wifo weiterhin berechnet, werde ich die um saisonale Schwankungen bereinigte Arbeitslosenrate inklusive Schulungsteilnehmer als aussagekräftigsten Indikator für die Lage am Arbeitsmarkt verwenden.