Brauchen wir einen Jesus 2.0? Ein Gedanke zu Ostern

Am Donnerstag war ich seit vielen Jahren wieder einmal aus freien Stücken in der Kirche. Paul Zulehner, ein Theologe und Pfarrer, den ich bei einem Interview für meinen Podcast kennenlernte, hielt eine Messe. Er schien mir so klug und charismatisch, dass ich mir das einmal vor Ort anschauen wollte.

Nach einer Stunde war ich desillusioniert. Es war genau so, wie ich das von früher kannte. Die Gesänge grausam, das Ambiente ungemütlich, die Art und Weise, wie mit den Anwesenden umgegangen wird, aus einem anderen Jahrtausend. Wenn ich jetzt gemein (oder ehrlich) bin, dann auch ein wenig sektiererisch.

Zulehners Predigt war schön, klug und regte mich zum Nachdenken an, sie dauerte aber keine zehn Minuten.

Der Rest: schrecklich langweilig. Schade.

Danach war ich noch eine Stunde im Pfarrheim, redete mit einigen Gläubigen und mir fiel etwas auf, dass ich schon wieder vergessen hatte: Wie wahnsinnig nett, freundlich und einfühlsam viele religiöse Menschen sind.

Jetzt darf man das nicht idealisieren, viele gehen in die Kirche, weil es die Menschen um sie auch tun und es von ihnen erwartet wird. Aber mein Eindruck ist, dass sehr viele Priester, Schwestern, Religionslehrer und andere wirklich gläubige Menschen, also jene, die Jesus und das, wofür er stand, ernst nehmen, empathischer und menschlicher sind als andere.

Der Soziologe Robert Putnam hat das in den USA auch mit Daten belegt: Sie spenden mehr und kümmern sich eher um andere Menschen.

Sie blicken auf diesen Jesus zurück, einen beeindruckenden Menschen, der sich für Arme und Aussätzige einsetzte, gegen staatliche Willkür und für einen menschlicheren Umgang miteinander. Sie haben ein Leitbild, für das es sich zu leben lohnt, ein Ideal, auf das sie blicken können, ein Vorbild.

Jetzt kann man von ihm auch heute noch wahnsinnig viel lernen, wenn man sich pragmatisch damit auseinandersetzt. Aber ich fürchte, die Kirche hat seinen Ruf ruiniert, er ist unsexy und das ganze institutionalisierte Rundherum um ihn noch viel mehr, die Kirche ist bei all ihren guten Seiten belehrend, extrem hierarchisch und diskursunfähig oder -willig.

Für sie ist der Zug abgefahren, mit der Geschichte von Jesus und dem allmächtigen Gott brauchst du Jungen heute nicht mehr zu kommen.

Das ist gut, denn wir nehmen das, was uns vorgeplappert wird, heute nicht mehr einfach so hin.

Gleichzeitig sind wir aber auch eine Generation, die so verloren zu sein scheint wie keine vor ihr, überfordert von ihren Möglichkeiten. Die auf der Suche nach dem Sinn des Ganzen jede Ecke ihres Lebens optimiert, überreizt, sich mit jeder einzelnen Zelle ihres Körpers auf sich selbst konzentriert und dabei auf die wirklich wichtigen Dinge vergisst, sich Zeit füreinander zu nehmen, zuzuhören, die Ellbogen wieder einzufahren und uns stattdessen einmal in die Arme zu nehmen, Schwächeren zu helfen und Fremde einmal zu fragen, ob man ihnen denn helfen kann.

Nicht, dass das früher anders war. Ich glaube ganz im Gegenteil. Aber wir sind vielleicht die erste Generation, die anders könnte, die großteils behutsam und ohne gröbere Schwierigkeiten aufgewachsen ist, die alles hatte, was sie brauchte.

Ich bin mir nicht sicher, aber ich habe den Verdacht, dass uns eine Erzählung wie die von Jesus fehlt. Die Autoren der Bibel wussten, wie man eine überzeugende Geschichte bringt, machen wir ihn zum von einer Jungfrau geborenen Sohn Gottes, der über Wasser ging und Wunder vollbrachte. Klingt doch Hammer, das muss man zugeben.

Wenn wir heute aber eines können, dann ist das Marketing. Also los! Gott und andere Märchen kommen nicht mehr an, welche Geschichte erzählen wir uns heute?

Viele glauben, wir brauchen das nicht. Wir machen das schon alleine, jeder für sich, die superindividualisierte Gesellschaft. Ich denke, wir irren.

Wo ist also die große Erzählung für das 21. Jahrhundert? Wo lehnen wir uns an?

Bild-Copyright: Andreas Hermsdorf / pixelio.de

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